
Welche Auswirkungen haben staatliche Anti-LGBTQ-Maßnahmen auf das Wahlverhalten? Diese Frage steht im Zentrum der neuen Studie des Humboldt GovLab „The Electoral Effects of State-Sponsored Anti-LGBTQ Measures“ (2025) von Violeta Ines Haas, Konstantin Bogatyrev, Tarik Abou-Chadi, Heike Klüver und Lukas Stoetzer. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Anti-Gender- und Anti-LGBTQ-Politiken in vielen Ländern adressiert die Studie eine bislang wenig untersuchte Dimension dieser Entwicklungen, nämlich ihre Effekte auf individuelle Wahlentscheidungen. In Staaten wie Russland, Ungarn oder Polen, aber auch in Teilen der USA, haben sich repressive Anti-Gender- und Anti-LGBTQ-Maßnahmen zu gängiger politischer Praxis entwickelt. Auch in Westeuropa und Lateinamerika begegnen rechtsradikale Parteien und religiöse Gruppen der LGBTQ-Bewegung mit Ablehnung. Es gibt daher gute Gründe, die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das Wahlverhalten näher zu untersuchen.
Politischer Effekt von LGBTQ-Feindlichkeit bislang unklar
Während die kulturellen und institutionellen Folgen derartiger Rhetorik und Maßnahmen gut erforscht sind, ist über ihre politischen Effekte bislang wenig bekannt. Um diese zu analysieren, nutzten die Wissenschaftler:innen des Humboldt GovLab und ihre Partner:innen ein synthetisches Differenz-von-Differenzen-Design, das zur Schätzung kausaler Effekte insbesondere in quasi-experimentellen Settings eingesetzt wird. Das der Studie zugrunde liegende Quasi-Experiment sind die Beschlüsse über sogenannte „LGBT-freie Zonen“ in polnischen Kommunen. Diese wurden rund sieben Monate vor den landesweiten Wahlen 2019 in einigen Regionen Polens verabschiedet und insbesondere von der damals regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vorangetrieben.
Gewinner- und Verlierer-Parteien
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Wahlbeteiligung in den Gemeinden, in denen entsprechende Beschlüsse gefasst wurden, deutlich verringerte. Besonders deutlich war der Rückgang unter Anhänger:innen der Oppositionsparteien. Die PiS hingegen erzielte in diesen Gemeinden höhere Stimmenanteile. In geografisch angrenzenden Kommunen, in denen keine entsprechenden Beschlüsse verabschiedet wurden, zeigten sich diese Entwicklungen nicht. Regionale Faktoren als Erklärung für die Wahlergebnisse können somit ausgeschlossen werden. Die Autor:innen schließen daraus, dass Anti-LGBTQ-Rhetorik und -Maßnahmen die Wähler:innenschaft jener Parteien stärken, die diese Politik propagieren. Die Forscher:innen führen diese Effekte auf zwei zentrale Mechanismen zurück. Erstens setzen politische Eliten durch Anti-LGBTQ-Maßnahmen normative Signale, die der Bevölkerung vermitteln, welches Verhalten sozial erwünscht und welches unerwünscht ist. Dies ermutigt Bürger:innen mit bereits vorhandenen ablehnenden Einstellungen gegenüber der LGBTQ-Community, diese auch öffentlich zu äußern. In der Folge werden Wähler:innen mobilisiert, die regierungsnahe Parteien unterstützen. Zweitens beeinflussen Anti-LGBTQ-Maßnahmen die Wahrnehmung politischer Wirksamkeit. Bürger:innen mit queerfeindlichen Einstellungen erleben staatliche Repression als Bestätigung ihres politischen Einflusses. Demgegenüber fühlen sich Personen mit liberalen Wertvorstellungen politisch entmachtet, was zu sinkender Wahlbeteiligung führt. Dieses Muster zeigte sich deutlich bei den polnischen Wahlen 2019.
Queerfeindlichkeit als anschlussfähiges Thema
Insgesamt verdeutlicht die Studie, dass Anti-LGBTQ-Rhetorik und -Maßnahmen messbare Effekte auf das Wahlverhalten haben. Befürworter:innen solcher Politiken beteiligen sich häufiger an Wahlen, während Gegner:innen sich zunehmend aus dem Wahlprozess zurückziehen. Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet daher: Ja, Homophobie kann zum Wahlsieg beitragen. Zwar können positive Einstellungen gegenüber queeren Minderheiten auch durch progressive Politik gefördert werden, diese erweisen sich jedoch als weniger mobilisierungsstark als repressive Anti-LGBTQ-Maßnahmen. Die Forscher:innen äußern daher die Sorge, dass diese Dynamik künftig zu einem weiteren Anstieg queerfeindlicher Politiken führen könnte.













