Teilnehmer:innen und Veranstalter:innen der Wahlkreistage von Hallo Bundestag (c) Hallo Bundestag
Eine demokratische Gesellschaft ist nicht selbstverständlich. Die Stärkung der Demokratie ist deswegen ebenso wichtig wie die Aufgabe, Menschen regelmäßig an ihr Mitbestimmungsrecht zu erinnern. Dass sie teilhaben und gestalten dürfen, ist vielen oft gar nicht bewusst – oder sie sind gar vom Gegenteil überzeugt: Sie fühlen sich ohnmächtig und von Politiker:innen im Stich gelassen. Nicht selten führt dies dazu, dass sie Verschwörungserzählungen oder radikalen Einstellungen verfallen.
Der gemeinnützige Verein Demokratie Innovation tut etwas dagegen. Im Rahmen des Projekts „Hallo Bundestag“ bringt er an den sogenannten Wahlkreistagen 25 zufällig ausgeloste Menschen mit Abgeordneten aus ihrem Wahlkreis zusammen und versucht so, die Beziehung zwischen Politik und Gesellschaft zu stärken.
Und tatsächlich funktionieren die Wahlkreistage, wie das Forscherteam des Humboldt Governance Lab (GovLab) an der Humboldt-Universität zu Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Heike Klüver herausfand: Politisches Vertrauen und Selbstwirksamkeit wie auch Beteiligungsbereitschaft erhöhten sich nach den Veranstaltungen, während die Offenheit für Verschwörungserzählungen sank (Ergebnisse). Das GovLab verbindet sozialwissenschaftliche Forschung mit gesellschaftlichem Dialog und entwickelt gemeinsam mit Praxispartnern evidenzbasierte Ansätze zur Stärkung demokratischer Resilienz.
„Das Projekt zeigt exemplarisch, wofür das Humboldt Governance Lab steht: Wir wollen nicht nur gesellschaftliche Herausforderungen analysieren, sondern gemeinsam mit Praxispartnern konkrete Lösungsansätze zur Stärkung der Demokratie entwickeln und wissenschaftlich evaluieren. Nur wenn wir evidenzbasiert verstehen, welche Maßnahmen Vertrauen, politische Teilhabe und demokratische Resilienz stärken, können erfolgreiche Ansätze langfristig skaliert werden.“ – Prof. Dr. Heike Klüver, Direktorin des Humboldt Governance Lab
Prof. Dr. Heike Klüver, Direktorin des Humboldt Governance Lab
Schon in der ersten Projektphase haben die Wissenschaftler:innen die Wirksamkeit der Wahlkreistage evaluiert. Nun übernehmen sie auch die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung für die Projektphase 2026 bis 2029.
Wir haben mit Jainaba Kurz, Referentin für Advocacy und Wissenschaft bei „Hallo Bundestag“, gesprochen, um mehr über das Projekt und die Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin zu erfahren.
Mit „Hallo Bundestag“ bringt Ihr Menschen und Bundestagsabgeordnete ins Gespräch. Was war der konkrete Auslöser dafür, dieses Projekt zu starten?
Der Verein Demokratie Innovation, der hinter dem Projekt Hallo Bundestag steht, möchte unsere repräsentative Demokratie stärken. Denn die steht unter Druck: Antidemokratische Kräfte werden immer stärker, unsere Gesellschaft polarisiert sich und viele Menschen fühlen sich machtlos angesichts der Weltlage.
Mit Hallo Bundestag wollen wir Demokratie erfahrbar machen. Mit unserem eintägigen Dialogformat „Wahlkreistag“ zeigen wir, dass wir gar nicht so weit auseinander sind, wie wir manchmal denken. Das gelingt am besten, wenn möglichst unterschiedliche, zufällig ausgeloste Menschen mit Abgeordneten verschiedener Parteien an einen Tisch kommen. Durch den Dialog, den wir dank professioneller Moderation konstruktiv gestalten, wächst wieder Vertrauen – in die Politik und in das gesellschaftliche Miteinander.
Diese Erfahrung möglichst vielen Menschen zu ermöglichen – besonders denen, die sich von der Politik zurückziehen – ist unser Ansporn.
Jainaba Kurz, Referentin Advocacy und Wissenschaft bei Hallo Bundestag
Das Pilotprojekt liegt bereits hinter Euch. Was war die wichtigste oder vielleicht auch überraschendste Erkenntnis aus der ersten Phase?
Es war sehr berührend zu sehen, wie Menschen aufblühen, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Wir durften sehr unterschiedliche Personen kennenlernen, jede hat ihre eigene Geschichte mitgebracht. Besonders bemerkenswert war, dass viele von ihnen wieder eine konkrete Vorstellung davon entwickelt haben, wie eine positive Zukunft aussehen kann.
Auch die Abgeordneten wussten das Format sehr zu schätzen, obwohl manche von ihnen anfangs skeptisch waren. Sie waren überrascht über die konstruktive Atmosphäre und die Vielfalt der Ausgelosten. Selten erreichen sie derart diverse Gruppen.
Dass sich unsere persönliche Erfahrung hier mit den Forschungsergebnissen gedeckt hat, hat uns sehr bestärkt.
Ihr habt Euch für die Evaluation bereits zum zweiten Mal die das Humboldt Governance Lab der HU Berlin an Bord geholt. Warum war es Euch so wichtig, das Projekt nicht nur „aus dem Bauch heraus“ zu bewerten, sondern eine handfeste, wissenschaftliche Begleitforschung zu nutzen?
Für uns gilt: Wir arbeiten innovativ, selbstkritisch, lernend und neugierig. Wirkungsmessung ist für uns eines der obersten Credos. Die wissenschaftliche Begleitung durch das Humboldt Governance Lab hilft uns, die Wirkung unseres Projekts systematisch zu messen und Potenziale für Verbesserungen aufzudecken, die wir nicht allein erkennen könnten.
In unserer Kommunikation nach außen hilft es uns außerdem sehr, uns auf belastbare Forschungsergebnisse zu berufen. Das schafft Glaubwürdigkeit. Wir wollen mit unserem Dialogformat „Wahlkreistag“ schließlich eine demokratische Innovation in den Bundestag bringen und in ganz Deutschland etablieren. Eine solche Skalierung wäre ohne wissenschaftliche Begleitforschung nicht nachhaltig möglich.
Wie erlebt Ihr die Zusammenarbeit mit dem Team des Humboldt Governance Lab? Wie gelingt Euch der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in Eure tägliche Projektarbeit?
Die Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis ist für uns sehr wertvoll. Zu oft arbeiten beide Bereiche in ihren eigenen Silos, dabei lernen beide Seiten enorm voneinander. Gleichzeitig merken wir, dass auch die Wissenschaftler:innen von unseren praktischen Erfahrungen profitieren.
Natürlich erfordert die externe Begleitforschung genaue Absprachen, regelmäßigen Austausch und einen gewissen organisatorischen Aufwand. Aber wir sind überzeugt, dass diese Form der evidenzbasierten Wirkungsmessung für zivilgesellschaftliche Projekte unerlässlich ist. Gerade das Humboldt Governance Lab verfolgt hier einen Ansatz, bei dem Forschung und gesellschaftliche Praxis eng miteinander verzahnt werden.
Inwiefern hat die wissenschaftliche Perspektive des Humboldt Governance Lab Euch geholfen, das Folgeprojekt strategisch weiterzuentwickeln?
Im Vorgängerprojekt konnten wir durch die Forschung des GovLab zeigen, dass Wahlkreistage wirken. Besonders wichtig war die Erkenntnis, dass die Effekte deutlich stärker ausfallen, wenn Abgeordnete unterschiedlicher Parteien beteiligt sind. Deshalb stellen wir jetzt sicher, dass mindestens zwei MdB beim Wahlkreistag dabei sind.
Außerdem haben wir gemeinsam überlegt, wie wir in der neuen Projektphase größer denken können. Jetzt untersuchen wir nicht nur, wie Wahlkreistage auf die Teilnehmenden selbst wirken, sondern auch, wie sich diese Erfahrungen in ihre sozialen Netzwerke und Wahlkreise hinein auswirken.
Neben der Forschung gehört zu so einer solchen Kooperation einiges an Administration und juristischem Rahmen. Wir von der Humboldt-Innovation durften Euch dabei unterstützen. Wie habt Ihr die Zusammenarbeit erlebt?
Wir stehen mit unseren Ansprechpartner:innen in einem sehr engen und herzlichen Kontakt. Beide Seiten bringen in ihrem jeweiligen Bereich große Expertise mit, und es macht Spaß, diese unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzuführen. Administration ist natürlich nicht immer einfach. Da wir selbst mit sensiblen Daten arbeiten und hohe Anforderungen erfüllen müssen, sind wir strukturierte Prozesse aber gewohnt.
Wenn Ihr in die Zukunft blickt: Was ist Eure Vision für „Hallo Bundestag“ in den kommenden Jahren, und welche Rolle spielt die kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung dabei?
Wir bei Hallo Bundestag wollen den Wahlkreistag langfristig als demokratische Innovation etablieren. Bereits 89 Bundestagsabgeordnete haben Interesse bekundet, einen Wahlkreistag in ihrem Wahlkreis durchzuführen. Das ist ein starkes Signal. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Humboldt Governance Lab sind für uns dabei zentral. Sie helfen uns, nicht nur zu verstehen, wie und warum das Format wirkt, sondern auch dabei, langfristig politische Entscheidungsträger:innen, Förderpartner:innen und die Öffentlichkeit von diesem Ansatz zu überzeugen.
Hand aufs Herz: Was würdet Ihr anderen Initiativen oder NGOs raten, die noch zögern, wissenschaftliche Expertise in ihre Projekte einzubinden?
Wir sind 2021 mit unserem ersten Wahlkreistag gestartet. Inzwischen planen wir über 50 Wahlkreistage in ganz Deutschland. Das ist ein großer Entwicklungsschritt für uns. Ohne die wissenschaftliche Begleitung wäre die Skalierung wahrscheinlich weder möglich noch nachhaltig gewesen. Deshalb würden wir anderen Initiativen klar empfehlen, möglichst früh wissenschaftliche Expertise einzubinden. Gerade Kooperationen mit Einrichtungen wie dem Humboldt Governance Lab helfen dabei, Projekte nicht nur umzusetzen, sondern ihre Wirkung tatsächlich zu verstehen und langfristig weiterzuentwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
Über das Humboldt Governance Lab
Das von Prof. Dr. Heike Klüver gegründete und geleitete Humboldt Governance Lab verbindet exzellente sozialwissenschaftliche Forschung mit gesellschaftlichem Dialog, evidenzbasierter Politikberatung sowie der Entwicklung und Evaluation konkreter Maßnahmen zur Stärkung demokratischer Resilienz. Unter dem Leitmotiv „Better Evidence. Stronger Democracy.“ entwickelt das GovLab gemeinsam mit Partnern aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft evidenzbasierte Ansätze zur Stärkung der Demokratie und trägt wissenschaftliche Erkenntnisse aktiv in öffentliche Debatten hinein.


















